Palliativtherapie

Die Palliativmedizin versteht sich als angemessene medizinische Versorgung von Patienten mit fortgeschrittenen und progredienten (fortschreitenden) Erkrankungen die eine begrenzte Lebenserwartung haben. Hier ist die Behandlung hauptsächlich auf den Erhalt oder die Verbesserung der Lebensqualität zentriert (European Association for Palliative Care 1993 – EAPC).

Die kausale Therapie ist in frühen Krankheitsphasen zu empfehlen (Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie), die rein symptomatische, also beschwerdeorientierte Therapie aber in der Terminalphase.

Gute palliative Versorgung bedeutet eine fächerübergreifende Betreuung des Patienten, nicht nur durch eine gute Zusammenarbeit der medizinischen Fachdisziplinen, sondern auch durch eine enge Kooperation mit Krankenpflege, Sozialdienst, Psycho(onko)logen und seelsorgerischen Betreuern.


Rolle der Strahlentherapie im palliativtherapeutischen Gesamtkonzept
Die größte Bedeutung der Strahlentherapie in der palliativen Situation liegt in der Behandlung von Tumorschmerzen durch Knochenmetastasen oder Nervenbeteiligung (Nervenaffektion oder –infiltation). Weiterhin ist oft auch die Verhinderung zu erwartender Funktionseinschränkungen oder die Verbesserung und Beseitigung bestehender Funktionsbeeinträchtigungen Ziel der palliativen Strahlentherapie.


Knochenmetastasen

30% der Patienten mit soliden Tumoren entwickeln Knochenmetastasen. Etwa die Hälfte davon treten in der Wirbelsäule auf. Lokale Beschwerden äußern sich als Schmerzen und Stabilitätsbeeinträchtigungen bis hin zum Bruch des Knochens (Fraktur) und konsekutiven Bewegungsbeeinträchtigungen mit schwerwiegenden Lähmungen.

Die Schmerzlinderung resultiert aus einer lokalen Tumorverkleinerung nach der Bestrahlung, daher aus einer Druckentlastung am Periost, Dekompression der Nervenwurzeln, Reduktion der Mediatorausschüttung, usw. Eine Bestrahlung ist in 70-80% erfolgreich (Schmerzlinderung) und kann auch bei osteolytischen Metastasen zur langfristigen Stabilisierung (Rekalzifizierung) des betroffenen Knochenabschnitts führen.








Schmerzhafte osteoplastische Metastase des 1. Lendenwirbelkörpers.
Grunderkrankung ist ein metastasiertes Prostatakarzinom. Das Bestrahlungsvolumen umfasst den gesamten Wirbelkörper einschließlich der unmittelbar benachbarten Wirbel.


Hirnmetastasen

Hirnmetastasen können direkt zu neurologischen Ausfällen führen, über die Steigerung des Hirndrucks aber auch indirekt zu Kopfschmerzen, Doppelbildern, Übelkeit und Erbrechen.

Therapieoptionen beinhalten die Operation (Resektion), eine sich daran anschließende Ganzhirnbestrahlung, eine alleinige Ganzhirnbestrahlung, eine stereotaktische Radiochirurgie oder im Falle einer Meningeosis carcinomatosa einer intrathekalen Chemotherapie. Die Wahl der Therapie hängt neben der Anzahl der Metastasen, der Lokalisation(en), der weiteren Tumoraktivität (extrakranieller Tumorstatus) unter anderem vom Allgemeinzustand und von der Lebenserwartung des Patienten ab.


Weitere Indikatoren

Als weitere Indikationen zur palliativen Strahlentherapie sind zu nennen: Der akute pathologische Querschnitt, die drohende Querschnittssymptomatik, die obere Einflußstauung durch die Vena cava superior komprimierende Tumoren, die akute, mit konventionellen Mitteln nicht zu stillende Tumorblutung, große Lymphknoten-, Organ-, Haut- und Weichgewebsmetastasen, die pathologische Milzvergrößerung (Splenomegalie) durch Organinfiltration eines Lymphoms und zahlreiche andere lokal fortgeschrittene tumoröse Situationen.


Ablauf der Strahlentherapie

Primäres Ziel der palliativen Therapie neben der Behandlung der Problematik ist der Erhalt oder die Verbesserung der Lebensqualität. Aus strahlentherapeutischer Sicht will man den Patienten daher eine effektive aber so gering wie möglich belastende Therapie anbieten. Dies läßt sich durch eine möglichst kurze Gesamtbehandlungszeit, eine maximale Schonung der Risikoorgane und der optimalen Wahl der Dosierung erreichen. Entsprechend der individuellen Situation sind mit gutem Erfolg eine, fünf oder mehr Bestrahlungen möglich. Die Festlegung des Therapieablaufs ist sehr individuell und bezieht die Tumorsituation, Begleitbehandlungen, Wünsche und Nöte des Patienten mit ein.

Pro Tag erfolgt die Bestrahlung von einem oder mehreren Feldern, so daß eine tägliche Behandlungszeit von etwa 5-10 Minuten resultiert.

Die Therapie ist meist von zu Hause aus möglich (ambulant). Durch die Kooperation mit onkologischen Schwerpunktpraxen und ambulanten Pflegeeinrichtungen ist auch eine gleichzeitige Chemotherapie und pflegerische Betreuung ambulant möglich.

Sollte eine stationäre Behandlung erforderlich sein, steht die Station 16A unserer Klinik mit 24 Betten zur Verfügung.


Mögliche therapieassoziierte Beschwerden
Die Nebenwirkungen einer palliativen Therapie sind so gering wie möglich zu halten. Man unterscheidet generell akute und späte Nebenwirkungen durch eine Reizung oder Schädigung bestrahlter Gewebe. Akute Nebenwirkungen während der Therapie oder unmittelbar im Anschluß an die Behandlung lassen sich gut behandeln und klingen in der Regel im Folgenden ab. Für den Patienten und die Angehörigen ist es wichtig über die zu erwartenden Nebenwirkungen und ihre Behandlung im Vorfeld informiert zu werden, hierzu dient das Aufklärungsgespräch vor Einleitung der Therapie und regelmäßige Gespräche während der Therapie.

Generell ist eine leichte schmerzlose Rötung im Bestrahlungsfeld nach der zweiten Woche möglich, ein leichtes Unwohlsein sowie Müdigkeit/Abgeschlagenheit und ein vorübergehender Haarausfall im Bereich bestrahlter behaarter Haut.


Entwicklungen in der Palliativmedizin
Im Medizinstudium nimmt die Palliativmedizin eine untergeordnete Rolle ein. Das Studium ist bisher rein kurativ ausgerichtet. Der Umgang mit chronisch kranken und multimorbiden Patienten wird aufgrund der stetig steigenden Lebenserwartung und der demographischen Entwicklung immer wichtiger. Da nahezu jeder Arzt in seiner praktischen Tätigkeit mit palliativen Situationen konfrontiert wird, fordert die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) die Palliativmedizin zu einem Pflichtfach im Medizinstudium zu machen. Erfolgreiches ärztliches Handeln mißt sich am Ende des Lebens nicht an Lebenszeit, sondern an Lebensqualität. Die Behandlung von Schmerzen, Übelkeit und Luftnot, der Umgang mit zwischenmenschlicher Überforderung und Berührungsängsten mit dem Sterbenden kann erlernt und trainiert werden. Bereits 2003 hat der 106. Ärztetag gefordert die Palliativmedizin in ein Pflichtfach im Medizinstudium umzuwandeln, bisher ohne Erfolg. Das Land Niedersachsen hat im März 2006 eine entsprechende Bundesinitiative gestartet. Der Antrag liegt seitdem den zuständigen Ausschüssen zur Beratung vor (Hibbeler 2007 Dt. Ärzteblatt).